Flughafen Nairobi

 

Donnerstag 23.11.2017

 

11.32 Uhr

 

Nach dem Flug am Morgen von Mombasa nach Nairobi, habe ich nun für die Weiterreise nach Abu Dhabi eingecheckt und den Ausreisestempel im Pass erhalten. Richtig gehört – ich bin auf dem Heimweg. Ich sitze am Gate 7, blicke immer wieder auf die ankommenden Flieger und überlege mir wie ich die Frage: „WARUM kommst du schon zurück?“ beantworten soll. Niemand – außer meiner Schwester, der ich letzte Woche gebeichtet habe, dass ich nach Hause komme – weiß, dass ich schon bald wieder im „Wold“ bin. Ich habe mit einigem gerechnet, als ich im August wieder nach Kenia gegangen bin, aber nicht damit. Um das Ganze zu verstehen, fange ich von vorne an …

 

Auf meiner Website habe ich über meine Erlebnisse im Kinderheim 2016 geschrieben. Nun ja, alles was ich geschrieben habe stimmt, allerdings habe ich die „unschönen Details“ AUS GUTEM GRUNDE ausgelassen. Während meiner Zeit im Kinderheim habe ich selber miterlebt, unter welchen Umständen die Kinder leben. Unter anderem teilen sie sich die Betten, sind total auf sich alleine gestellt und nicht jeden Tag gibt es genug zu essen. Da ich es letztes Jahr nicht besser wusste, nahm ich an, dass es für ein kenianisches Kinderheim der „Normalzustand“ sei. Die Leiterin erschien mir motiviert und sie schwärmte ständig von den Kindern und was sie alles für diese auf sich nehme. Als ich mich nach den zwei Monaten verabschieden musste – einer der schlimmsten Tage in meinem Leben – versprach ich der Leiterin, dass ich allesmögliche versuchen werde, um sie zu unterstützen. Zurück in Österreich machte ich mich gleich an die Arbeit. Zunächst informierte ich mich über das Heim, da Petra und ich (eine weitere Volontärin, mit der ich die letzte Woche dort war) vorhatten, eine Website für das Heim zu gestalten und Spenden zu sammeln. Ich stieß auf mehrere Spendenkonten des Heims – neben den kenianischen auch eines in der Schweiz. Auch die Kontaktdaten waren angegeben. Ich schrieb der Frau – Julia – eine E-Mail und wollte wissen, ob das Konto noch aktiv ist, da die Leiterin mir erzählte, dass sie absolut keine Sponsoren mehr haben.

 

Während ich im Sommer 2016 im Kinderheim war, erzählte mir die Leiterin auch von zwei Italienerinnen. Diese waren ursprünglich als Touristen ins Heim gekommen, sahen die schlimmen Umstände und wollten für die Kinder ein neues Heim bauen. Sie sammelten Spenden in Italien und begannen mit dem Bau. Die Leiterin erwartete sich, dass sie die „Eigentümerin“ des neuen Heims sein wird, doch die Italienerinnen weigerten sich, ihr die gesamten Rechte zu übertragen. Die Leiterin erstattete Anzeige bei der Polizei – Missbrauch von  Kindern um Spenden zu sammeln. Es war überall in den Medien. Ich dachte mir nur, wie können die Italienerinnen so etwas tun.

 

Zurück zu Julia. Es stellte sich heraus, dass Julia die ehemalige Hauptsponsorin des Kinderheims war. Auch sie besuchte das Heim vor vielen Jahren und wollte helfen. Sie vertraute der Leiterin und unterstütze das Heim über Jahre hinweg mit mehr als großzügigen Beträgen (sie erhielt international Spenden durch ihre Agentur). Im Januar 2016 fand sie dann heraus, dass die Leiterin das Geld missbraucht. Den größten Teil der Spenden ging an ihre eigene Familie (während die Kinder im Heim litten, genoss ihr Sohn beispielsweise eine teure Ausbildung zum Piloten, Grundstücke wurden an ihre Eltern überschrieben, …). Rückblickend gab es  einige Situationen, in denen ich erkennen hätte können, wie es im Heim wirklich läuft – aber ich war zu gut und naiv. Über Wochen hinweg erzählte mir Julia immer wieder neue schockierende Details. Das Schlimmste an der ganzen Sache war – ich liebte (liebe) diese Kinder über alles und ich konnte absolut nichts tun.

 

Nachdem ich die Realität so gut es ging annehmen konnte, erzählte mir Julia von ihrem Vorhaben. Sie und die zwei Italienerinnen (welche ich mittlerweile zu meinen Freunden zähle) sind dabei, ein neues Kinderheim etwas außerhalb von Malindi aufzubauen. Julia wusste genau, wie viel mir die Kinder dort bedeuten und so fragte sie mich, ob ich mir vorstellen könne, für das neue Heim zu arbeiten. Ich musste keinen Augenblick überlegen und sagte sofort zu. Die Eröffnung des neuen Heims NEW HEART WATOTO (ein Herz für Kinder) war für Juni 2017 geplant. Die Leiterin vom ersten Heim arbeitete allerdings mit ALLEN MITTELN gegen die Drei. Sie wollte und will immer noch verhindern, dass das neue Heim eine Chance bekommt. Über ein Jahr haben wir nun auf die Zulassungs- und Registrationsdokumente gewartet. Seit Oktober ist es aber offiziell: das Heim hat alle nötigen Genehmigungen um zu eröffnen. Die Bauarbeiten sind im Endspurt. Die Eröffnung ist nun für Jänner 2018 geplant. Immer wieder habe ich den Bau besucht und mich über jeden Baufortschritt riesig gefreut. Als erstes bin ich immer in „mein Zimmer“ gegangen – ich konnte es kaum erwarten. Ab Jänner würde ich dort leben.

Halt Stop! New Heart Watoto?
Du warst doch im Small Home?

 

Richtig. Da das neue Heim noch nicht eröffnet hatte, musste ich mir übergangsweise eine Alternative suchen. Xaver – mein Verwandter, der schon über 40 Jahre in Kenia lebt und dort als Missionar tätig ist – hat mir die Stelle im Small Home organisiert. Das Small Home – ein Heim/Projekt für Kinder mit Behinderungen – wird von einer der drei Schwestern in seiner Pfarrei geleitet. Sie wusste von meinen Plänen und bot mir an, solange zu bleiben wie ich will. Schon nach kurzer Zeit war das Small Home auch mein „kleines Zuhause“ und ich fühlte mich mehr als wohl. Auch mit den Schwestern verbrachte ich viel Zeit und ich wusste, ich bin nicht ohne Grund dort gelandet. September und Oktober waren zwei unglaubliche Monate – ich durfte so viel Schönes erleben. Durch die Schwestern war es mir möglich, wirklich etwas zu bewirken. Sie wussten, wo Hilfe dringend gebraucht wird und ich hatte dank den großzügigen Spenden die Möglichkeit zu helfen. Die Schwestern „organisierten“ den Großteil und ich übernahm dann den finanziellen Teil 😉. Es war beiden Seiten geholfen, denn ich hätte nichts ohne sie machen können und sie nichts ohne mich. Immer wieder durfte ich neue Menschen kennen lernen und ihre Dankbarkeit überwältigte mich. „Wir beten für dich!“ – für mich das schönste Dankeschön, das es gibt. 

Am Montag 6. November (ich war im Schwesternhaus, da die Kinder zwei Wochen Ferien hatten), wir waren gerade mit der Mittagsmenüplanung beschäftigt, erhielt Schwester Felistus einen Anruf von einem Priester der Diözese. Er fragte sie, ob sie eine Elisabeth Felder kenne. Ihm wurde gesagt, dass ich um 14.00 Uhr bei der Einwanderungsbehörde erscheinen müsse. Sollte ich nicht pünktlich erscheinen, würde mich die Polizei abholen. Einwanderungsbehörde? Keine Ahnung wie man in so einer Situation reagiert, ich war überrascht und wusste nicht, was auf mich zukommt. Schwester Felistus war noch schockierter als ich und auch Xaver konnte es kaum glauben. Das Erste was mir einfiel …

 

„Xaver, i ka ned hua”

 

Ich konnte mir nicht vorstellen, nach Hause zu gehen. Ein ganzes Jahr hatte ich mich auf Kenia „vorbereitet“. Trotz all der Niederschläge, die es Zwischendurch immer wieder gab, kehrte ich nach Kenia zurück. Die letzten zwei Monate waren einfach UNBESCHREIBLICH. Ich habe die Chance bekommen, den Menschen hier zu helfen und wirklich etwas zu bewirken. Ich war komplett – mein Herz gehört einfach nach Kenia. „Xaver, i ka ned hua“ – er verstand warum. Für mich war es schon letztes Jahr alles andere als einfach, „nach Hause“ zurückzukehren. Meine Familie und Freundinnen wissen bestimmt was ich meine 😉. Kenia hat mich verändert. Ich hatte keine Wahl und so gingen wir – Schwester Felistus und Xaver – zur Einwanderungsbehörde. Als wir ankamen, wartete schon ein Polizist auf uns – MICH – und begleitete uns ins „Einwanderungsbüro“. Ein Mann saß am Schreibtisch und reichte mir die Hand. Ich setzte mich ihm gegenüber an den Schreibtisch, der Polizist saß neben mir. Felistus und Xaver saßen hinter mir an der Wand.

 

„Sie sind also LIZ?“

 

Mehr brauchte der Mann nicht zu sagen und ich wusste, wer mich bei der Einwanderungsbehörde angezeigt hatte. Heuer nannte mich niemand Liz – ich wurde überall als Eliza vorgestellt. Es war die Leiterin vom letzten Jahr.

 

„Haben Sie eine Arbeitsgenehmigung?“

 

Natürlich hatte ich keine Arbeitsgenehmigung. Alle Volontäre kommen mit einem Touristenvisum und leisten  freiwilligenarbeit. Jeder Volontär weiß, dass es nicht legal ist, aber im „Normalfall“ interessiert es niemanden, da wir ja „Geldbringer“ sind. In meinem Fall jedoch … Die Leiterin hatte mittlerweile herausgefunden, dass ich vorhabe im neuen Heim zu arbeiten und sie musste „mitansehen“ wie sehr ich das Small Home und die Schwestern unterstütze. Außerdem hat es ihr gar nicht gepasst, dass ich einige ehemalige Kinder des Heims und deren Familien unterstütze. Über die älteren Kinder hat sie immer wieder versucht, Kontakt mit mir aufzunehmen und mich ins Heim zu „locken“ – doch ich reagierte nicht. Vermutlich dachte sie sich, wenn sie schon keinen Vorteil aus mir schlagen konnte, dann sollte es keiner tun.

 

„Wir werden keine weiteren Schritte gegen Sie erheben, sofern sie nicht mehr als Volontärin im Small Home oder in einem anderen Heim arbeiten. Sie dürfen auch keine Sozialprojekte unterstützen, dafür brauchen sie ein Arbeitsvisum. Sie haben zwei Möglichkeiten. Erstens, Sie können ihr Visum wie geplant verlängern und bis Februar als Touristin in Kenia bleiben oder Zweitens, Sie beantragen ein Arbeitsvisum.“

 

Die Reaktion von Schwester Felistus werde ich wohl nie vergessen: „Eliza als Touristin? Sie haben ja keine Ahnung. Sie war in 3 Monaten zwei Mal am Strand, sie läuft durch die Stadt, damit sie sich das Taxigeld sparen kann und sie verbringt die gesamte Zeit mit den Kindern. Was soll sie als Touristin hier machen?“ Die Frage war berechtigt. Was soll ich hier machen, wenn ich nicht „arbeiten“ darf? Der Mann reichte mir ein Informationsblatt über den Ablauf der Beantragung eines Arbeitsvisums. Ich starrte auf den Zettel, aber ich las nichts. Das ist also Kenia. Ich habe wirklich vieles aufgegeben und zurückgelassen, um in Kenia als Volontärin zu arbeiten – und DAS ist nun der „Dank“ dafür? Ich konnte nicht mehr klar denken. Während sich meine Gedanken überschlugen – Was mache ICH? Wie sieht MEINE Zukunft aus? Wie erkläre ich es den Kindern? Was wird aus den Familien und den Kindern, die ich unterstütze? – stellten Felistus und Xaver eine Frage nach der anderen. Ich hörte nur noch halb zu, dann schaltete mein Kopf ab. Das wars. Nach einer guten Stunde wurden wir freundlichst „entlassen“. Auf dem Weg nach Hause herrschte Stille im Auto. Ich wollte nur noch zurück in mein Zimmer im Schwesternhaus, ich konnte die Tränen nicht länger  zurückhalten. Was mache ich nur? In der Nacht konnte ich nicht schlafen und auch am Dienstag war meine Stimmung am Boden. Die Schwestern versuchten mich aufzuheitern und versicherten mir, dass sie mir bei dem Arbeitsvisum helfen werden und dass sie mich auf keinen Fall gehen lassen werden. Beim Mittagessen waren Felistus und ich alleine.

 

„Eliza, ich kann dich nicht mehr ansehen. Versprich mir, dass du am Nachmittag einen lustigen Film

anschaust und du dir für eine kurze Zeit keine zu großen Sorgen machst.“ 

Ich liebe die Ratschläge von Felistus. Also machte ich einen Kinonachtmittag – „Kevin allein Zuhause“. Es half wirklich 😉. Um 18:00 Uhr ging ich immer aufs Hausdach – der kühlste Ort – um zu beten. Wie aus dem Nichts änderte sich auf einmal meine Denkweise.

 

„How wonderful are his ways …” – diesen Satz (es ist immer der letzte Satz nach dem gemeinsamen Abendgebet) habe ich mittlerweile verinnerlicht wie kein zweiter und er hilft mir JEDES MAL, neue Situationen zu akzeptieren. Gott hatte einen Grund, mich zu den Schwestern, beziehungsweise ins Small Home zu schicken. Wenn ich dieses Mal zurück nach Mellau gehen würde, wird alles ganz anders sein. Dieses Mal habe die Möglichkeit zu helfen, egal wo ich bin. Vermutlich „nütze“ ich sogar mehr, wenn ich den Menschen Zuhause von meinen Erlebnissen und den Umständen berichte und Spenden sammle.

 

Meine Laune beim Abendessen war wieder top. Schwester Felistus war glücklich. Nach dem Abendessen am Xaver vorbei und erkundigte sich nach meinem Befinden. Ich sagte zu ihm, dass ich mich entschieden habe, Nachhause zu gehen. Er war nicht gerade erfreut, akzeptierte jedoch meine Entscheidung. Schwester Felistus hingegen schien aus allen Wolken zu fallen und konnte es nicht glauben. Doch für mich war es klar. Ich werde gehen. Da ich nicht mehr ins Small Home zurückgehen konnte, ging ich am Mittwoch mit Schwester Christine zur Arbeit, um meine restlichen Sachen zu packen und mein Zimmer zu putzen. Als ich versuchte, mich am Speisesaal vorbei zu schleichen, hörte ich schon „Eliza, Eliza“ – die Kinder. Amani kam auf mich zugestürmt und ich musste mich zusammenreißen. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich von ihnen zu verabschieden, noch nicht. Ich ging in mein Zimmer und packte meinen Koffer – und schon wieder Tränen. Dann zurück ins Schwesternhaus. Zum Glück kann man irgendwann nicht mehr weinen und man akzeptiert die Situation.

 

Am 23. November mussten die Schwestern alle nach Nairobi. Das bedeutete für mich, dass ich noch knapp 3 Wochen Zeit hatte, um alles zu organisieren. Ich wollte unbedingt noch Zeit mit meinen Freunden verbringen und einige Projekte starten beziehungsweise fertigstellen. Es waren 3 anstrengende Wochen, besonders weil ich ja niemandem davon erzählen durfte – auch nicht in Malindi. Die Priester und Schwestern, sowie zwei Freunde wussten, dass ich bald gehen würde – sonst niemand. Der Abschied fiel mir nicht leicht, aber wesentlich leichter als letztes Jahr, da ich weiß, dass MEINE Schwestern und Xaver gut zu meinen Kindern und Familien schauen.

 

Mittlerweile bin ich in Abu Dhabi. In wenigen Stunden bin ich wieder zurück – ich freue mich wirklich sehr darauf. Einfach ist es jedoch nicht, da ein großer Teil meines Herzens in Afrika bleibt. Ich bereue es keine Sekunde, zurück nach Malindi gegangen zu sein und ich weiß, dass es nicht das letzte Mal war. Im Gegenteil, ich musste den Schwestern und meinen Freunden versprechen, dass ich spätestens in den nächsten Sommerferien wieder zurückkommen würde. 

Was wird nun aus missfieldsgoesafrica?

 

Miss Fields goes immer noch Afrika – mehr denn je. Ich sehe das Ganze nicht als Ende eines Projektes, sondern als Anfang und als eine großartige Chance. Ich – WIR – haben VIEL vor und hoffen weiterhin auf die Unterstützung von euch. Selbstverständlich werde ich weiterhin über die Projekte berichten und informieren.

 

Wie gerne würde ich jetzt schreiben: Liebe Grüße aus Malindi 

– aber Liebe Grüße aus dem kalten und verschneiten Mellau trifft es nun besser 😊